|
Lothar Späth: Geniessen
Mit gutem Wein – so lernte ich als Regierungschef eines Weinlandes – ist immer Staat zu machen. Selbst die Wirtschaftspolitik Baden-Württembergs habe ich mit Wein erläutert. Bei einem Vortrag in Washington über baden-württembergische Exportpolitik fragte mich in der Diskussion ein amerikanischer Gesprächspartner, ob ich ihm die Philosophie der baden-württembergischen Exportwirtschaft erläutern könne.
Meine Antwort: ‚‚Baden-Württemberg war ursprünglich ein armes Land. Aber es hatte ein Produkt, das es nicht verkaufen wollte, weil die Menschen es lieber genießen möchten. Und das ist unser Wein. Um uns diesen Wein leisten zu können, verkaufen wir alles andere, was wir produzieren. Und beim Trinken von Wein kommen uns immer neue Export-Ideen. Damit steigt unser Export und unser Einkommen, und wir können uns mehr und noch besseren Wein leisten. Und damit haben wir weitere und noch bessere Export-Ideen. Das ist der Kreislauf der baden-württembergischen Wirtschaftsphilosophie.’’ Meine amerikanischen Freunde fanden die Argumentation schlüssig. Ich habe ein hektisches politisches und berufliches Leben hinter mir, und auch die nächsten Jahre werde ich wohl nicht in den Ruhestand treten, der für meine Altersklasse vorgesehen ist. Dieses Leben, so würde man vermuten, gibt einem kaum Zeit zur Muße, ohne die man nicht genießen kann.
Weit gefehlt. Nach harter Arbeit – oft erst spät in der Nacht – belohne ich Anstrengungen, ob sie gelungen sind oder nicht, mir selbst gegenüber immer mit einem Glas Wein (manchmal bleibt es nicht nur bei einem Glas). Und Abende der freundschaftlichen Begegnung und des Zusammenseins im häuslichen Kreis sind ohne Wein nicht denkbar. Schon im Elternhaus habe ich gelernt, dass der Vater beim festlichen Anlass eine Flasche Wein öffnete, und mit dem Viertele Trollinger in der schwäbischen Gastwirtschaft bin ich gewissermaßen aufgewachsen. Die schönsten Wahlkämpfe waren die in den Weindörfern am Neckar und im Stromberg, in den Teilen meines Wahlkreises, in denen bei der Wahlversammlung mehr Zeit für die Diskussion über den Wein und seine Qualitäten als über die Politik und ihre Fehler aufgewandt wurde. Den Weingenuss haben wir in der Familie immer geteilt, wobei meine Frau eher weiß bevorzugt und ich eher rot. Die Kinder durften schon früh an den Diskussionen über den Wein und bald auch am Genuss des edlen Rebensaftes selbst teilnehmen. Sie sind inzwischen durchaus dem Sachverstand – den Wein betreffend – ihrer Eltern gewachsen... Es gab keinen Staatsempfang in Baden-Württemberg, bei dem nicht der Wein im Mittelpunkt stand – natürlich streng in der Tradition des deutschen Südwestens. War der Badener weiß, musste der Württemberger rot sein oder umgekehrt.
Meine schönsten Erinnerungen an das politische, berufliche oder private Leben haben immer etwas mit dem Genuss von Wein zu tun. Es sind die Feste, an die man sich im zunehmenden Alter erinnert. Sie alle verbinde ich mit einem guten Tropfen. Wichtige Begegnungen mit den französischen Nachbarn – ohne Wein undenkbar. Nun will ich aber nicht verhehlen, dass ich neben dem württembergischen Trollinger, Lemberger und Riesling auch ein großer Liebhaber der badischen Weine, dort vor allem des Grauburgunders und natürlich auch des Spätburgunders, bin. Aber wer wollte behaupten, dass man die wunderschönen Weine aus anderen deutschen Lagen nicht auch trinken könnte?
Heute, da ich vor allem pausenlos durch die Welt reise, leiste ich mir immer einmal eine Mußestunde, und auch diese hat immer mit dem Wein an den Plätzen zu tun, die ich besuche. Das gilt im Urlaub natürlich bei Fahrten durch Burgund oder bei den eindrucksvollen Besuchen in den in den Schlössern des Bordeaux. Auch habe ich keine Scheu, mich zur Toskana Fraktion, vor allem des Weines wegen, zu bekennen. Ich liebe den Grünen Veltliner bei unseren österreichischen Nachbarn und will dabei viele andere Weine – etwa den Egri Bikaver aus Ungarn – nicht vergessen.
Und wenn ich in San Francisco zu tun habe, leiste ich mir den Luxus, drei Stunden von der Bildfläche zu verschwinden und zu Robert Mondavi in das Napa Valley zu fahren, um eine der schönen Merlot- oder Cabernet Sauvignon-Weine zu trinken. Wenn ich in Sidney bin, zieht es mich in Richtung Hunter Valley. Muss ich aber in der Stadt bleiben, fällt mir die Wahl zwischen den herrlichen Chardonnays schwer. In Südafrika komme ich an den Weinlagen des Stellenbosch nicht vorbei. Selbst im fernen Chile fahre ich, wenn es die Zeit zulässt, schnell mal von Santiago in die Weingärten von El Pimiento und genieße. Um es ganz einfach zu sagen: Wo immer ich auf der Welt nach harter Arbeit oder nach langer Reise eine Pause machen kann, ist die eigene Belohnung ein schöner Wein in schöner Landschaft, oder im Kreise guter Freunde, oder einfach nur die Augen schließen, ein bisschen träumen, sachverständig genießen und manchmal auch eine meiner immer noch geliebten Zigarren anzuzünden. |